Bilzingsleben

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Bilzingsleben

Beitragvon Aelinor » 01.11.2006, 14:49

Der Fundplatz Bilzingsleben ist eine archäologische Fundstelle im Norden Thüringens. Die Funde werden auf ein Alter von 400.000 Jahren datiert und gehören somit zu den frühesten menschlichen Spuren in Mitteleuropa. Der Fundplatz liegt etwa 1,5 km südlich der Ortschaft Bilzingsleben am Rande des Wippertals. Die Oberfläche, des ehemaligen Steinbruchs „Steinrinne“, liegt etwa 35 m über der heutigen Aue und 175 m N. N. Eingerahmt wird die kleine spornartige Erhebung durch die Wipper im Osten und den Wirbelbach im Süden.



Forschungsgeschichte

Die Travertine der Steinrinne sind schon seit dem Mittelalter bekannt und seitdem abgebaut worden. So besteht die 1508 erbaute Stadtmauer von Kindelbrück größtenteils aus diesem Kalktuff. Doch Urkunden und eine Inschrift an der Kindelbrücker Kirche beweisen eine Abbautätigkeit, die ins 13. Jahrhundert zurückreicht.



Die erste schriftliche Erwähnung von fossilen Kieferknochen und Zähnen aus dem Steinbruch stammt aus dem Jahre 1710, als David Siegmund Büttner in dem Werk „Rudera diluvii testes i.e. Zeichen und Zeugen der Sündfluth“ darauf aufmerksam machte. Seither wurde die Fundstelle des öfteren von verschiedenen Wissenschaftlern und Laienforschern aufgesucht, von denen hier nur exemplarisch die wichtigsten genannt werden. Bedeutend ist der Fund eines menschlichen Schädels, den Freiherr Ernst Friedrich von Schlotheim (1765-1832) im Jahre 1818 in „Leonhards mineralogisches Taschenbuch“ erwähnte. Dieser soll mit Kalk überzogen gewesen sein und müsste demnach aus dem Travertin stammen. Von Schlotheim erwähnte den Schädel in den folgenden Jahren mehrmals, er ist aber heute nicht mehr auffindbar. Es wäre jedoch interessant zu wissen, ob es sich wirklich um einen fossilen Schädel gehandelt hat, denn wenn dem so wäre, würde der Bilzingslebener Fund einen der frühesten bekannten Funde eines fossilen Menschen überhaupt darstellen.



Am Beginn des 20. Jahrhunderts stehen vor allem die Arbeiten von Ewald Wüst. Er berichtete 1908 erstmals von Feuersteingeräten als Hinweis auf die Anwesenheit des fossilen Menschen in Bilzingsleben. Im Jahr 1922 übernahm Adolf Spengler die wissenschaftliche Aufsicht über Bilzingsleben. Er sammelte sowohl archäologisches als auch paläontologisches Material. Herausragend ist der Fund eines menschlichen Backenzahnes, den er Ende der 1920er Jahre in der Seekalkschicht entdeckte. Auch dieser Fund ist heute verschollen.



In der Folgezeit blieb Bilzingsleben im Blickpunkt des wissenschaftlichen Geschehens, auch wenn das Interesse sich zunehmend auf die Travertine und deren reiche archäologischen und paläoanthropologischen Funde von Ehringsdorf verlagerte. Bemerkenswert ist, dass während dieser Zeit von fast allen Wissenschaftlern, die sich mit den Funden von Bilzingsleben beschäftigten, eine sehr junge Stellung in Betracht gezogen wurde. Bilzingsleben sollte demnach, trotz der hohen Lage über der Wipperaue, den Fundstellen von Weimar, Burgtonna und Ehringsdorf gleichgestellt werden und ein eemzeitliches Alter besitzen.



Während quartär-paläontologischen Untersuchungen im Jahre 1969 durch Dietrich Mania (damals Landesmuseum für Vorgeschichte Halle) wurden zahlreiche Fossilien und Artefakte in der bis dahin noch wenig bekannten Fundschicht entdeckt, was zum Beginn einer archäologischen Forschungsgrabung ab 1971 führte. Schon kurze Zeit später, 1972 oder 1973, wurde der erste Rest eines fossilen Menschen, ein Hinterhauptsbein, gefunden, der aber erst bei der Durchsicht des Materials im Jahre 1974 als solcher erkannt wurde. Ebenfalls sehr früh wurde die Altersstellung revidiert.



Im Laufe der Ausgrabungen erwuchs Bilzingsleben zu einer der wichtigsten altpaläolithischen Fundstellen in Europa. Bis 2002 wurden 37 Reste des Menschen freigelegt. Das bisher geborgene Fundmaterial umfasst mehr als 140.000 Feuersteinartefakte, Tausende andere Geräte aus Stein, Knochen, Geweih, Elfenbein und Holz sowie mehrere Tonnen an faunistischem und botanischem Material. Aus diesem Material kann die Kultur und Umwelt des frühen Menschen mit hoher Genauigkeit rekonstruiert werden. Ein internationales Forschungsteam mit Spezialisten aus mehreren europäischen Ländern wurde aufgebaut, daneben arbeiteten noch Wissenschaftler aus Amerika, Asien und Australien auf der Fundstelle.



Am 1. April 2003 übernahm Prof. Dr. Clemens Pasda, Bereich Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena die archäologischen Untersuchungen in Bilzingsleben und führte im Frühjahr und Sommer 2004 Grabungsarbeiten auf der Fundstelle durch.



Die Menschenfunde von Bilzingsleben

Bis 1999 lieferte Bilzingsleben 37 menschliche Reste. Diese umfassen 27 Schädelteile – darunter Reste von Hinterhauptsbein, Scheitelbein und Stirnbein -, einen zahnlosen Ast eines Unterkiefers und 9 isolierte Zähne. Die Reste gehören zu mindestens drei Individuen, wobei sich ein juveniles Individuum darunter befindet.



Die von Prof. Emanuel Vlček (Prag) untersuchten Reste wurden von ihm als Homo erectus bilzingslebenensis bezeichnet mit deutlichen Unterschieden zu den sapienten Formen. Beste Vergleiche lassen sich zum Olduvai Hominid 9, zum Sinanthropus III und zum Pithecanthropus VII ziehen. Eine Rekonstruktion des Schädels zeigt, dass dieser eine längliche Form mit einem typischen erectoiden zeltähnlichen Querschnitt und eine starke Einschnürung hinter den Augen (postorbital) besitzt. Das Hinterhauptsbein ist abgewinkelt und besitzt einen mächtigen Torus occipitalis, während der Torus supraorbitalis über der Nase nicht unterbrochen ist. Auch der Unterkiefer zeigt starke Ähnlichkeiten zum Sinanthropus'.



Die archäologischen Reste

Steinartefakte

Es wurden bis heute etwa 140.000 Feuersteinartefakte gefunden, von denen etwa 20 % Geräte im engeren Sinne (mit retuschierter Arbeitskante) darstellen. Es handelt sich hierbei um ein sehr kleingerätiges Inventar mit einer Durchschnittslänge von 25 bis 35 mm. Größere Artefakte von 50 bis 90 mm Länge treten zwar auch auf, doch sind diese selten. Es überwiegen gebuchtete und gezähnte Geräte. Des weiteren treten auch schaberartige Geräte, Bohrer, Spitzen (Tayac- und Quinsonspitzen) und messerartige Schneidgeräte, die teilweise eine Rückenstumpfung aufweisen, auf. Zu den Sonderformen gehören beidflächig retuschierte Spitzen und keilmesserartige Typen. Die Fundstelle Bilzingsleben zeichnet sich durch das Fehlen von echten Faustkeilen aus. Einige Abschläge und Kerne zeigen, dass die Technik des präparierten Kerns durchaus bekannt war. Neben Feuerstein wurden auch andere lithische Rohmaterialien, wie Muschelkalk, Quarzit, Quarz, Travertin usw. verwendet. Bisher sind mehr als 6.000 Artefakte aus diesen Rohstoffen bekannt. Aus ihnen wurden vorwiegend Schlagsteine, Chopper und Chopping Tools hergestellt, aber auch einige echte Gerätetypen sind zu verzeichnen, wie Spitzen oder Buchten. Des weiteren wurden Ambosse und Arbeitsunterlagen aus diesen Materialien verwendet. Diese Geröllgeräte sind durchweg größer als die Feuersteinartefakte. So erreichen Chopper ein Gewicht bis 8 kg, einige Travertinblöcke sogar bis 30 kg Gewicht.



Artefakte aus organischem Material

Auch die Knochen erlegter Tiere (v. a. Elefant) wurden als Rohstoff für die Werkzeugherstellung genutzt. Hauptsächlich wurde die harte Kompakta von Langknochen genutzt. An Geräten treten große Knochenschaber, Meißel, Spitzen u. ä. auf. Auch diese Geräte sind relativ groß und erreichen in einigen Fällen eine Länge von 73 cm. Schulterblätter der Großsäuger wurden als Arbeitsunterlagen genutzt. Weiterhin sind in diesem Zusammenhang Geweihhacken und vereinzelte geschliffene Elfenbeinspitzen zu nennen. Seit wenigen Jahren sind auch Holzartefakte nachgewiesen, die, ähnlich den sensationellen Funden von Schöningen, als Speere gedeutet werden können.



Archäologische Besonderheiten

Behausungsstrukturen

Aus der Fundlage lassen sich drei Wohnbauten rekonstruieren. Es handelte sich wahrscheinlich um zeltartige Stangenkonstruktionen, deren Bedeckung, die wohl aus Tierfellen bestand, mit Knochen und Steinen fixiert war. Erhalten waren lediglich die Funde, die zu eben dieser Fixierung genutzt wurden und sich in der Grabungsfläche als Kreise von 4-5 m Durchmesser darstellten. Sie waren jeweils mit einer davor befindlichen Feuerstelle und mit Arbeitsplätzen (mit Ambossen) ausgestattet. Die Lage der Feuerstellen macht die Lokalisierung der Eingänge an den Südseiten der Wohnstrukturen wahrscheinlich.



Gravierte Knochen

Mehrere gravierte Knochen stellen wohl die ersten graphischen Umsetzungen eines menschlichen Gedankens dar. Die Ritzlinien können nicht durch eine Nutzung als Arbeitsunterlagen entstanden sein, denn ein Knochenfragment zeigt zwei Bündel aus 7 bzw. 14 parallel verlaufenden Linien. Eine solche Anordnung kann keinesfalls zufällig entstanden sein. Sie müssen also intentionel angebracht worden sein.



Gepflasterter Bereich

Ein weiterer Beleg für die geistige Welt des Homo erectus ist ein fast kreisrunder pflasterartiger Platz mit einem Durchmesser von etwa 9 m. Die Knochen und die z.T. ortsfremden Steine wurden in den Löss eingedrückt und liegen nur in einer einzigen Lage. Dieses Pflaster zeigt nur wenige Artefaktfunde und macht einen „aufgeräumten“ Eindruck. Im Nordwesten dieses Platzes befand sich eine Feuerstelle und ein Auerochsschädel, dazu ein Amboss aus einem Travertinblock und mehrere menschliche Schädelfragmente. Splitter in den Fugen des Travertinblocks belegen eine Zertrümmerung von Knochen. Inwieweit dies in Zusammenhang mit den menschlichen Schädelresten steht, ist bis zur abgeschlossenen Untersuchung der Splitter noch unklar. Interessanterweise führt auch eine Steinreihe vom Westen auf das Pflaster zu und endet unweit des eben dargestellten „Arbeitsplatzes“.



weiteres : Wikipedia :)



ich selbst habe bilzingsleben zweimal bis jetzt besucht, und kann nur sagen ein erstaunlicher faszinierender schauplatz, noch tümmeln sich dort archäologen..aber seht selbst...thüringen ist immer ein erlebnis wert...nicht wahr Rati.. :wink:
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Beitragvon Rati » 02.11.2006, 07:41

Jo Aelinor,



auch wenn ich's noch nicht geschafft habe diese schönen Stellen zu besuchen von denen du immer berichtest. Thüringen MUSS eine Reise wert sein.

Außerdem, auch wenn ich das jetzt schon mehrmals geschrieben habe. Grad ebend bewundere ich mal wieder deinen Fleiß bei der Erstellung deiner sehr gut geschriebenen und rechergierten Berichte.





Gruß Rati
Zuletzt geändert von Rati am 02.11.2006, 11:29, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitragvon Aelinor » 02.11.2006, 08:07

vielen vielen dank Rati, werde dir bald wieder neue beiträge zum stöbern geben, denn wir fahren morgen in die heimat...vielleicht hat es ja dort schon geschneit..hehe..

als ich noch in thüringen wohnte, waren wir jedes wochenende unterwegs und haben uns die 'schätze' thüringens angeschaut, jede burg, jede ruine, jeden stein, jedes freilichtmuseum, jeden alten baum...somit kenn ich mich ziemlich gut aus und möchte euch daran teilhaben lassen.. :D
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